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eine Ausnahme in der Rubrik "Kreatief" - diese Geschichte hat meine Ma geschrieben. Ich habs nur abgetippt. Ich würde es trotzdem ungerne sehn, wenn ihr diesen Text ohne das Einverständnis der Autorin (Kontakt über mich) irgendwo veröffentlichen würdet! Eine Geschichte, die das Leben schrieb und sich so (und nicht so ähnlich !) abgespielt hat, und ich wäre froh, noch mehr Geschichten aus ihrer Feder zu haben. Aber die Zeit...
sigrid hesse, 1990 BATTERIEN
UND ANDERES Eigentlich
begann alles ganz harmlos. Eine
Woche vor Weihnachten entschloß sich unsere Verwandtschaft uns zu besuchen -
kurzfristig. Mit dem Argument, daß wir uns zum Fest ja nicht mehr sehen würden
- ein wirklich unzumutbarer Zustand für wahre Verwandtschaft! Besagter
Sonntag kam. Es klingelt. Julian, unser Jüngster, öffnet die Tür. Oma kommt
herein, und statt eines "Guten Morgen" ein "Hast Du mir was
mitgebracht?". Oma, etwas irritiert, fragt ihn, was man denn sagt, wenn die
Oma kommt...? Ein unsicherer Blick zu mir, ein Flüstern, er fragt mich:
"Danke?" - nein, "Guten Morgen!". Oma freut sich. Nun
richtet sie die folgenschwere Frage an mich - sie möchte wissen, ob ich etwas
dagegen einzuwenden hätte, wenn sie Julian (und später auch unseren anderen
Kindern) schon die Weihnachtsgeschenke gäbe. Der Gedanke an zwei beschäftigte
Söhne und eine ebensolche Tochter gefällt mir, ich stimme zu. So wird der
nahende Heiligabend-Spielstreß etwas entschärft - mit je einem Spielzeug
weniger. Julian
und Oma gehen zum Auto und als sie zurückkommen, strahlt Julian - ein
ferngesteuertes Auto ohne Kabel !! Der Traum aller kleinen Jungen! Nun komme ich
endlich dazu, während Julian auspackt, Mutter zu begrüßen und ihr einen
Kaffee anzubieten. Auf
ihr Verneinen und ihre Erklärung hin, daß sie sich auf dem Weg zu uns wieder
einmal verfahren hat, tönt das erste, verhängnisvolle "Es fährt nicht,
da müssen noch Batterien rein!!". Mutter, wohl den Ernst der Lage ahnend,
beteuert, daß sie es zeitlich einfach nicht mehr geschafft habe, welche zu
besorgen. Ich beruhige sie und versichere ihr, daß wir noch Batterien haben. Im
Hintergrund :"Ich brauch´ Batterien!!". Mit dem Hinweis, daß im
Aufladegerät noch welche sein müßten, schicke ich ihn los, sie zu holen. Er
zieht ab. Es
klingelt. Schwager Albert und Schwägerin Claudia sind da. Großes Hallo,
Auspacken der Bloß
wo? Also, wir brauchen zehn Batterien und eben eine Blockbatterie. Albert erwähnt
noch die kurze Lebensdauer dieser Einmaldinger, aber mit der resignierenden
Feststellung, daß man Sonntags ja andere gar nicht bekommt, macht er sich auf
den Weg."Ich will mit!" brüllt es, und Oma, Albert und Julian fahren
los. "Hallo
Claudia, schön daß Du da bist, möchtest Du einen Kaffee?". Sie möchte
gerne. Ich sehe nach, ob nicht doch noch Batterien zu finden sind und entdecke
tatsächlich noch vier Stück. Leider keine Blockbatterie. Geistesgegenwärtig
baue ich sie in das Aufladegerät. Claudia plaudert. Es klingelt. Mein Mann,
Joel und Jelena, unsere Tochter, stehen vor der Tür. Alle sagen Hallo, nur Joel
sieht mit Kennerblick: ein ferngesteuertes Auto, ohne Kabel, der besagte Traum
aller Jungen. Und was für eins! Er
bekommt ein "Tag" über die Lippen, nur Eingeweihte wissen, ob Claudia
oder das Auto gemeint ist. Er sieht das Aufladegerät mit den Batterien und
stellt freudig deren Existenz fest. Nach einem Test - sie sind noch nicht genug
aufgeladen. Er kann nicht fahren!! Ich erkläre ihm den Sachverhalt. Oma, Albert
und Claudia kommen zurück, die Autos werden ´beladen`. Hrmmm...Hrmmm...Surrmm...
. Julian fährt allen über die Füße, spießt mit der Antenne Joels Haare auf,
der verstört am Boden kniet, vor seinem Auto. "Ich kann aber nicht
fahren...!" beschwert er sich. Ich frage meinen Mann über den Verbleib der
Blockbatterie - er unterhält sich angeregt. "Jelena, weißt Du nicht,
wo...?" Jelena weiß auch nicht. Ich bitte nochmals meinen Mann, zu suchen,
vielleicht im Büro? Er
reagiert. Meine Bitte an Jelena, in der Zwischenzeit ihre zwei Batterien aus dem
Walkman "Simm...Simmm...",
Julian ist glücklich -- bis Joel ihn auffordert "Laß mich auch
mal!". Cool gibt mir Jelena ihren Kommentar: "Also, ich finde diese
Art von Spielzeug langweilig, geht viel zu schnell kaputt. Außerdem, die
Batterien, also Umwelt und so!". Während sie sich noch ausführlich über
ökologische Probleme ausläßt, Claudia mir erzählt, was sie alles noch nicht
getan hat für Weihnachten, Oma mich fragt, ob ich Interesse hätte an den Süßigkeiten,
die sie in der Tombola vom Schwimmverein gewonnen hat, kommt mein Mann wieder. Die
Jungs hören für einen Moment auf, zu streiten, denn -- er hat sie! Kurze
Nervenzerreißprobe, aufgeladen oder nicht?? -- Aufgeladen!! Ganz hinten in
meinem Kopf, in einer Ecke, weiß ich, so voll kann diese Batterie nicht sein.
Aber Gedanken beiseite, beide Autos fahren jetzt! Doppeltes
"Simm...Simm...Peng", zwischen Beinen, Stühlen, Sesseln. Die
Erwachsenen sprechen lauter, ich lehne mich zurück. Der Sonntag kann beginnen! Im
Trubel plötzlich :"Der kann mit seiner Fernsteuerung mein Auto
fahren!" jault Joel auf. Ich gebe mich ganz entspannt, als sei ich gar
nicht da - Es lohnt sich. Joel wendet sich an seinen Vater und den Besuch:
"Seht mal, der kann mit seiner...!" Ja, das kann nur an den Frequenzen
liegen, es sind die gleichen, die müßte man austauschen, fachsimpelt man.
Julian kommt jetzt erst richtig in Fahrt. Er kann doch tatsächlich zwei Autos
gleichzeitig lenken, ungeahnte Möglichkeiten...! Mir wird schlecht. Oma,
hilfsbereit, fragt eifrig, ob sie noch einmal zur Tankstelle fahren soll. Sohn
und Schwiegersohn erklären so gut es geht, warum dies nicht nötig sei. Joel
ist währenddessen auf der Terrasse, in der Hoffnung, Glas trenne Frequenzen.
Ich halte Julian fest. Glas trennt nicht!! Frischer Kaffee wird gebracht. Jelena
läßt verlauten, daß sie ihr Geschenk erst Heiligabend haben will, sie sei
doch nicht blöd, sich die ganze Freude kaputtzumachen. Es ist doch schön, eine
so kluge Tochter zu haben. Es könnte ja immerhin sein, daß in ihrem Paket auch
etwas Aufladbares ist. Meine
Dankbarkeit wird jäh unterbrochen vom ersten "Mein Auto fährt nicht
mehr!!". Mein lahmes "wir hatten doch noch irgendwo Batterien..."
erstickt sofort im Streit, wer die letzten noch funktionierenden Batterien
bekommt. Das zweite "Mein Auto fährt auch nicht mehr!!" läßt auch
nicht lange auf sich warten. Maulen und Beschweren gehen unter im allgemeinen
Gerede. Gegen
Abend verabschiedet man sich. Die Familie findet Ruhe. Ich stecke alle
aufladbaren Batterien - ein Block- und acht kleine - in das Aufladegerät, suche
Jelena das Kostüm für ihren Auftritt im Schultheater zusammen, beruhige sie,
spreche ihr Mut zu. Mein Mann bringt sie noch zur Schule. Später
sagt er mir, er würde gern mal mit mir in Ruhe einen Kaffe trinken, wir hätten
so wenig Zeit für uns. Ein kleiner Streit wird daraus, und ich nehme mir vor,
mich mehr um ihn zu kümmern. Um
23 Uhr freue ich mich mit Jelena über den gelungenen Auftritt in der Schule,
finde ihren Schwarm auch bezaubernd, und verspreche ihr, sie um halb sechs zu
wecken, wegen noch zu machender Hausaufgaben. Der
neue Tag beginnt damit, daß Joel die Batterien komplett aus den Aufladegeräten
nimmt. "Ich will auch mal fahren!" ist das Guten Morgen dieses Tages.
Vater spricht ein Machtwort : "Keiner darf jetzt fahren!". Wir frühstücken
gemeinsam. Zwei schlechtgelaunte Söhne, eine eilige, übernächtigte Tochter,
ein genervter Vater und ich. "Heute kaufe ich euch neue Batterien, dann
habt ihr genug!" höre ich mich sagen. Es sind nur noch fünf Tage bis zum
Fest. Es wäre noch so viel zu tun, aber was ist wichtiger als ein bißchen
Frieden?! Die
Kinder sind verstaut in Schule und Kindergarten, ich gehe los. Viele Geschäfte,
viele verschiedene Preise, Erklärungen: warum so teuer, so gut, so lange
Lebensdauer, dann entscheide ich mich. 76 DM. Es waren noch nicht einmal die
Teuersten! Zu Hause bin ich erleichtert. Jedem seine Portion Batterien. Da
macht sich ein klitzekleines Problem breit. Unsere zwei Aufladegeräte können
zwar alle kleinen Batterien aufnehmen, aber nur eine Blockbatterie... Macht
nichts, macht nichts! Bloß nicht darüber nachdenken. Rein mit den Dingern.
Abwarten. Julian kommt als Erster nach Hause. Ich gebe ihm, was er braucht.
Simm...Peng...! Er ist beschäftigt. Da
fällt mir was ein. Ich hole die Verpackungen nochmal aus dem Abfall: zwölf
Stunden Ladezeit, da steht es. Bei Erstgebrauch wäre es besser, wenn
vierundzwanzig Stunden Aufladezeit. In "mir selber Mut zusprechen" bin
ich doch ganz große Klasse! Es
klingelt, Joel kommt. "Hast Du die Batterien?" - "Komm Joel, ich
muß Dir was erklären..."-"Du hast sie nicht!" entgegnet er mit
Kopfstimme. "Doch, doch!". Entspanntes Lächeln, suchender Blick. Ich
erkläre ihm die Lage und bin verblüfft. Großes Verstehen. "Ich warte,
ist ja auch besser so, dann hab ich noch ganz Neue, Volle!" Ich bin ganz
seiner Meinung, und stelle noch den Vorteil heraus, daß es sowieso besser sei,
zeitlich versetzt zu fahren, wegen der Frequenzen. Leuchtet ihm voll ein. Ein
wunderbarer Junge! Julians Auto fährt fast über Joels Fuß. Da, die Kopfstimme
:"Aber eigentlich bin ich ja auch mal dran! Julian hat heute schon, und
gestern auch, immer der, immer der!" Mit
heißen Wangen, aber klarem Kopf wechsle ich in einem unbeobachteten Moment
Julians Batterien gegen die noch Leeren aus. Das Auto steht da. Julian probiert,
stellt fest, daß es nicht mehr geht, da müssen die Batterien leer sein. Er
legt sein Auto hin und geht. Batterien raus und aufladen. Stündlich fragen die
Jungs "Schon fertig?", und stündlich antwortet der Rest der Familie
im Chor "Nein, noch nicht, aber bald!". Heute
Nacht stehe ich um halb zwölf auf, wechsle die Batterien, und wenn ich Glück
habe, und den Morgen überspielen kann, dann sind morgen mittag um halb eins
alle Batterien voll. Nur
das mit den Frequenzen bliebe noch zu lösen. Und
noch ein kleines Problem gäbe es da: Julians Kassettenrekorder, Jelenas, Joels
und mein Walkman laufen mit Batterien, diverse Wecker, Diktiergerät, usw... Übrigens
stellten wir später fest, daß zu Weihnachten viele Kinder ferngesteuerte Autos
bekommen hatten. Die Frequenzen der Autos glichen sich alle, und die ganze Straße
hatte dieses Problem. Wir
dagegen bald nicht mehr. Julians Auto fiel vier Wochen später durchs Treppengeländer
drei Etagen tiefer auf den Steinfußboden des Kellers. Joels Auto segnete ein
paar Tage später das Zeitliche, als er dessen Geländefähigkeit in einer
Riesenpfütze ausprobieren wollte. Schlamm und Wasser wurden der Elektronik zum
Verhängnis. Sigrid
Hesse, 1990 P.S.: |