von der Seite der Schattenwölfe

Gewalt
hat viele Gesichter
Die Gewalt hat viele Gesichter, nicht immer so eindeutig, und ein paar davon möchten
wir in einigen fiktiven Streiflichtern deutlich machen
Jana ist 8. In der Schule ist sie ernst und fleißig. Sie
passt im Unterricht gut auf und macht immer ihre Hausaufgaben. Die Lehrer mögen
Jana, weil sie nicht wie viele andere, dauernd mit ihrer Banknachbarin flüstert
und damit den Unterricht stört. Ihre Banknachbarin mag Jana auch, denn sie ist
immer ruhig und freundlich, sagt nie etwas böses, und leiht ihr ihre Stifte
aus. Es gibt nur etwas sonderbares an Jana, doch das fällt eigentlich kaum auf:
Sie lacht nicht. Manchmal verzieht sich ihr kleines ernstes Gesicht zu einem Lächeln,
aber selbst das ist selten. Niemand weiß, was bei Jana zu Hause vor sich geht,
aber das interessiert auch keinen, so lange Jana freundlich und fleißig ist und
den Unterricht nicht stört.
Das ist Gewalt. Das ist eines der Gesichter die die Gewalt mit sich bringt.
Niemand tut Jana in der Schule weh, sie wird nicht verspottet, nicht gemobbt,
nicht erpresst. Aber es ist Gewalt! Wenn eine 8jährige nicht lacht, und alle
sehen weg ist das Gewalt!!! Auch die Lehrer haben eine Fürsorgepflicht!!

Anton ist 11 und treibt sich nach der Schule auf der Straße herum.
Eigentlich treibt er sich auch oft vor oder sogar während der Schule auf der
Straße herum. Er ist nicht gerne zu Hause und in der Schule ist er auch nicht
gern. Anton verbringt die meiste Zeit am Hafen und sieht den Schiffen zu. Er weiß
genau, wenn er 15 oder 16 ist wird er auf einem dieser Schiffe anheuern und in
die Welt hinaus fahren. Er hat es gelesen, dass das geht. Dann endlich wird er
weit weg sein. Endlich weit genug weg, dass er den Bieratem seines Vaters nicht
mehr riechen kann, das Schluchzen seiner Mutter nicht mehr hören. Dann endlich
wird Anton frei sein. Und dann fragt ihn auch niemand, ob er gerne in der Schule
war. Auf See brauchen sie keine Streber, auf See brauchen sie Abenteurer, so
viel weiß Anton. Und das er kein Streber ist, das ist mal klar.
Auch das ist Gewalt. Antons Vater schlägt Anton nicht, vielleicht schlägt er
gar nicht, auch nicht seine Mutter. Und doch ist es Gewalt für einen kleinen
Jungen, einen Alkoholiker zum Vater zu haben und die Tränen der Mutter zu
sehen.

Als Simon aus der Schule kommt begrüßt ihn seine Mutter kalt an der Tür
und verschwindet dann sofort zurück in die Küche. „Eiszeit“, flüstert
seine kleine Schwester Sandra ihm zu. In der Küche duftet es nach Pfannkuchen,
Sandras Lieblingsessen. „Simon, komm essen!“ ruft seine Mutter aus der Küche,
„und wasch dir die Hände!“ „Du nicht!“ herrscht die Mutter Sandra an,
als sie sich zum Essen setzen will. „Mit dir wird Vati heut Abend ein ernstes
Wort reden, bis dahin will ich dich nicht mehr sehen! Und wenn er dann wieder
krank wird, ist das deine Schuld!“
„Du lieber Gott“, sagt die Mutter als sie mit Simon am Tisch sitzt, „Womit
habe ich nur ein solches Kind verdient! Gott sei Dank machst du uns keinen
Kummer!“.
Auch das ist Gewalt. Mag sein, dass Sandra zuvor etwas angestellt hat,
vielleicht hat sie eine Vase zerbrochen, oder die Tischdecke mit
Wasserfarbenwasser überschüttet. Natürlich haben auch Eltern Gefühle und
werden einmal ärgerlich, aber ein Kind vom Essen auszuschließen ist
ungerechtfertigte Gewalt. Und dann auch noch das Lieblingsessen zu kochen.. Und
auch dem Kind die „Macht“ über die Gesundheit der Eltern aufzuerlegen ist
nichts anderes als Gewalt! Aber nicht nur Sandra gegenüber ist es Gewalt, die
in keinem verhältnis steht, sondern auch Simon. Natürlich tut es ihm Leid,
seine Schwester so behandelt zu sehen, und sicher hat er ein schlechtes Gewissen
ihr Lieblingsessen zu essen, ohne sie. Und durch den letzten Satz der Mutter
wird auch Simon mit Gewalt die Rolle des braven aufgezwungen, der keinen Ärger
macht.

Wenn ein Kind missachtet und ignoriert wird, so ist das Gewalt. Wenn ein
kleines Kind auf der Straße von der Mutter eine Ohrfeige fängt, so ist das
Gewalt! Wenn die Eltern ihr Kind beschimpfen als Nichtsnutz und Taugenichts, so
tun sie ihm Gewalt an!
Und wenn ihr in die Gesichter von Jana, Anton, Simon und Sandra seht, so seht
ihr in die Gesichter der Gewalt. Ihr seht in die Gesichter von Gewalt
gezeichneter Kinder. Und ich hoffe dass ihr den Mut haben werdet, hinzusehen,
und die Augen nicht zu verschließen, sondern diesen Kindern eure Hand zu
reichen! Nicht zuletzt vielleicht, weil ihr auf diesen Seiten sehen werdet, was
die Folgen sind, von Gewalt, die keiner sieht!