Vorwort
Wenn ich jemandem sage,
daß ich "garstig werden kann, wenn mich jemand ohne meine Aufforderung
anfasst oder eindeutig zweideutige Bemerkungen auf meine Person bezogen fallen
lässt" - ist diese Aussage dann eindeutig als Aufforderung zur Einstellung
eines solchen Verhaltens zu verstehen...?
Scheinbar nicht.
Ich musste deutlicher werden. Und habe meinem Arbeitskollegen einen Brief
geschrieben und ihm diesen in die Hand gedrückt, als er wieder anfing, mich
anzufassen...:

Hallo D..
Letzte Nacht habe ich kaum geschlafen, wegen Dir.
Und jetzt würde ich gerne Maus in Deinen Gedanken spielen. Denn es ist etwas
ganz anderes, als Du denkst, was ich jetzt sagen möchte und werde.
Ich habe nämlich kaum geschlafen, weil ich Albträume hatte.
Erst nachdem ich mich selbst im Schlaf hab sagen hören „Dirk, noch einmal, und
Du bist tot...!“ und danach hellwach war - erst danach hab ich endlich ruhig
schlafen können. Ich habe mich nämlich endlich (!) gewehrt.
Ich wurde als Kind vergewaltigt. Von jemandem, an den Du mich durch irgend etwas
erinnerst. Ich weiß nicht genau, was es ist, nicht Dein Äußeres, es ist etwas
anderes. Dafür kannst Du nichts, das weiß ich. Aber wenn ich einmal sage, daß
ich Deine körperliche Nähe und manche äußerst anzüglichen Sprüche nicht
vertragen kann, dann meine ich das so. Ich dachte, das hätte ich Dir gestern
klar gesagt und gemacht. Aber die Träume der letzten Nacht haben mir gezeigt,
daß ich nicht deutlich genug geworden bin. Also laß mich hier und jetzt
deutlicher werden:
Solltest Du Dich mir noch einmal mehr als auf 10 cm nähern ohne meine eindeutige
Aufforderung, oder sollte Dir noch ein zweideutiger Spruch auf meine Person
bezogen rausrutschen, werde ich Dir beim ersten Mal in aller Öffentlichkeit
(egal, ob Kinobesucher, Freunde oder sonst wer dabei sind) die gelbe Karte in
Form einer Ohrfeige geben, beim zweiten Mal kommt die rote Karte: ich werde eine
Anzeige wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz anstrengen.
Ja, es ist eine eindeutige Drohung, und ich meine es ernst, aber Du hast es in
der Hand, daß wir uns auch weiterhin gut verstehen können.
Es liegt nun an Dir...
jelena.
(Februar 2004)

Nachtrag
Danach war D. stinksauer. Hat diesen Brief, der nur an ihn gerichtet war, im
Kino, wo ich mit ihm arbeiten musste, herumgezeigt (...!). Kein Wort mehr mit
mir gesprochen, Türen geknallt, demonstrativ sauer zur Seite geguckt, wenn ich
in seiner Nähe war. Hätte er nicht einfach zur Kenntnis nehmen und
akzeptieren können, was ich ihm vorher gesagt habe? Und sich dementsprechend
verhalten???
Danach ein Gespräch mit meinem Chef. Dieser ist gleichzeitig auch noch ein
langjähriger Freund von D. .
Das Schöne ist, daß dieser mich verstanden hat!
D.s Reaktion auch nicht gut heißt und mit ihm reden wollte.
Daraufhin folgte eine
Unterredung mit ihm im Beisein des Betriebsrats. Und erstaunlicherweise habe ich
mal nicht zurückgesteckt, sondern habe auf mein Recht bestanden.
D. hat sich nicht
entschuldigt, er verteidigte sich damit, daß "die anderen auch nie was sagen
würden, also das Ganze gar nicht so schlimm sein könne". Das war allerdings das
falscheste, was er sagen konnte. Ein Kollege, von dem ich solche
Gesprächsbeiträge gar nicht erwartet hätte, sagte in aller Offenheit, daß er
ähnliches erlebt habe und sich auch wehren würde, wenn ihm jemand in solcher
Weis zu nahe treten würde. Die Augen aller Anwesender wurde Untertellergroß...
Mein Chef faltete ihn
dann politisch korrekt zusammen, und dann war die Sache "geklärt". Lange habe
ich dort nicht mehr gearbeitet, was aber daran lag, daß ich einen besser
bezahlten Nebenjob fand. Heute noch begegne ich D. ab und zu auf der Straße, wir
grüßen uns freundlich-förmlich. Ich glaube, diesen Vorfall wird auch er nicht so
schnell vergessen...