"Warum können Überlebende nicht einfach weiterleben?"
Als ob nichts passiert wäre?
Sie können als Erwachsene doch über den Dingen stehen?
Schließlich hat sich der Mißbrauch in der Kindheit ereignet, was lange Zeit her ist!
Wenn es so einfach wäre – sie würden es tun!
Die Kindheit.
Die Zeit, in der wir lernen, zu leben.
Zu Sprechen und zu Laufen, sich anzuziehen und zu essen. Wir lernen, wem wir vertrauen dürfen, was Gut und was Böse ist, wie das mit der Kommunikation geht, wie wir bekommen, was wir brauchen, emotionale und soziale Normen.
Dies alles können wir nur lernen, wenn die äußeren Bedingungen stimmen.
Anregung, Begleitung, Hilfestellung, Sicherheit.
In der vergifteten Athmosphäre des Mißbrauchs wird gelernt, daß wir niemandem vertrauen dürfen, die großen Menschen lügen, wenn sie sagen, sie tun einem nicht weh, daß wir Gegenleistungen bringen müssen, wenn wir unsere Grundbedürfnisse nach Nahrung, Kleidung und Wärme decken wollen.
Diese erlernten Muster kann man nur noch sehr schwer ändern oder löschen, wenn das Erwachsenenalter erreicht ist.
Trotzdem ist es sehr wohl möglich, ein erfülltes und glückliches Leben zu führen! Es wird nur nie die gleiche Qualität haben wie das Leben eines „normalen“ Menschen, denn die Art und Weise wie ein Überlebender denkt und handelt ist anders, und beeinflußt Beziehungen in Familien, Partnerschaften, Freundschaften und in der Beziehung zu sich selbst.
Ein kleines Experiement:
Putz Dir einmal Deine Zähne mit der nicht-dominanten Hand, kämme Dir die Haare mit Deiner nicht-dominanten Hand.
Stell Dir vor, dies mußt Du von nun an Dein ganzes restliches Leben lang tun – es wird von nun an immer schwierig sein, Dir die Zähne zu putzen oder die Haare zu kämmen.
Es fühlt sich „nicht richtig an“, oder?
"Du siehst dein Gesicht im Spiegel und weißt genau, daß du es nicht richtig kannst. Du beobachtest andere Menschen um dich herum, die damit keine Probleme zu haben scheinen. Nur du scheinst zwei linke Hände dabei zu haben. Da gibt’s ein paar Knoten in deinem Haar, an die du nicht so richtig dran kommst, oder ein Teil will einfach partout nicht sitzen. Nach einer Weile findest du dich damit ab, daß du es nie schaffen wirst deine Haare so gut zu 'stylen' wie andere. Selbst wenn du sie professionell vom Friseur herrichten läßt ist es nur eine kurzfristige Lösung.
Du weißt genau, als du deine Zähne geputzt hast, hast du mal wieder ein paar dieser Backenzähne nicht erreicht, das Wasser zum Ausspülen aufnehmen war auch schon ein Alptraum, also hast du von vorneherein weniger benutzt. Dir ist klar, daß diese Art der Zahnpflege nur zum Verfall führen kann, findest dich aber damit ab, daß du Zahnarztrechnungen bezahlen und für dein Verschulden auch noch ermahnt wirst.
Du hast dich daran gewöhnt, daß andere Menschen die Ursache für deine Unzulänglichkeit auf eine Freiwilligkeit in deinem Verhalten oder auf unerwünschte Persönliche Charaktereigenschaften zurückführen wie, z.B. Faulheit.
Aber du hältst durch, du wirst es überleben..."
Stell Dir nun vor, Du hast dieses Experiment nicht freiwillig mitgemacht, sondern wurdest gezwungen.
Stell Dir außerdem vor, Zähneputzen und Haarekämmen sind Themen, über das man nicht redet, es sind Tabu-Themen. Du kannst zu niemandem gehen und Dich ihm anvertrauen, denn diejenigen würden Dir vorwerfen, daß Du es doch gewollt hast und selber verantwortlich für Deine Misere bist.
Mach Dir nun Selbstvorwürfe, daß Du mitgemacht hast, fühl Dich zusätzlich schuldig, daß Du nicht in der Lage bist, jemand anderem Dein Problem anzuvertrauen.
Dieses Experiment ist ein Gedankenkonstrukt, um einen kleinen Einblick in das Gefühl der „Andersartigkeit“ eines Überlebenden zu bekommen.
In der Realität bedeutet das Leben eines Überlebenden meist Andersartigkeit in ALLEM was er/sie tut!
Nach einem Text von Juliet Summers, www.secasa.com.au