Heilung?

alles auf Anfang

Ein Text, den ich mal für das Trotz-allem-Forum geschrieben habe. Lang und vor allem konfus. Aber mit wichtigen Erkenntnissen.

Dieses Gefühl, das man nicht einordnen kann.
Gehöre ich eigentlich hierher, in die Gemeinschaft von Überlebenden?
Ist mir wirklich soooo Schlimmes widerfahren?
Wenns mal wieder gut läuft, es mir richtig gut geht.
Ich Bäume ausreissen könnte.
Oder mir den Kopf zerbreche über AlltagsProbleme, und damit der ganze andere Kram vorübergehend unwichtig wird, in den Hintergrund gedrängt wird.
Wenn ich mies drauf bin, grantig und schlecht gelaunt, und genau weiß, es hat ausnahmsweise *nichts* damit zu tun, daß ich die halbe Nacht damit verbracht habe, zu grübeln.

Und ich kriege ein schlechtes Gewissen gegenüber den Gedanken, die ich dann vernachlässige...

Das Gefühl,
als ob ich die Verpflichtung hätte, 24 Stunden am Tag daran denken zu müssen, was passiert ist, "nur" weil ich gerade an der Vergangenheit, deren Folgen und Auswirkungen arbeite.
Als ob ich dazu verpflichtet wäre, immer wieder neue Erkenntnisse haben zu müssen, oder jeden Tag mindestens einen Flash-back zu haben und den dann bearbeiten zu können.
Als ob ich dazu verpflichtet wäre, jeden Tag stark und mutig die eigene Vergangenheit in die Mangel zu nehmen und aktiv verarbeiten zu müssen.
Als ob ich dazu verpflichtet wäre, jeden Tag die Folgen des Missbrauchs fühlen und erleben zu müssen, damit ich weiß, daß es wirklich.

Und während des Schreiben kommt mir die Idee, daß es doch eigentlich genau das ist, wonach wir uns alle sehnen, oder nicht?

Eben nicht jeden Tag, jede Stunde daran denken zu müssen.

Eben nicht jede Regung unseres Körpers und Hirns mit dem Erlebten in Verbindung bringen zu müssen.

Eben nicht alle anderen Aspekte des täglichen Lebens ausklammern und wegschieben zu müssen, weil wir uns "hauptamtlich" mit dem Missbrauch beschäftigen.

Eben wirklich mal das Leben selber spüren, mit Hochs und Tiefs, wie jeder andere Mensch auch. Auch, wenn dieses "normale" Leben nicht diese Gefühlsextrema aufweist wie bisher.

Ganz "normale" Probleme zu haben, ganz "normale" Erfolgserlebnisse zu haben. Auch mal ganz "normal" mies drauf zu sein.
(Zitat: "mann, bist Du heute wieder mies drauf! War irgendwas? Hast Du wieder nicht geschlafen, schlecht geträumt? Magst Du drüber reden? Oder lieber nicht?" - "nee, laß mich in Ruhe, der Chef hat bloß genervt und ich krieg meine Tage...*weitergrummel*")

Das Verhältnis von Auslöser eines Gefühls zum Ausmaß des Gefühls selber verändert sich - es sind auch mal Bagatell-Gründe, die einen genauso schlecht gelaunt sein lassen wie drei durchwachte Nächte mit Albträumen, Asthma und Migräne. (Ist das Gefühl dann überhaupt noch gerechtfertigt...? Ich find ja.)

Und wenn genau das dann mal passiert, dann ist da dieses Gefühl.
"Das war so normal, ich glaub, ich bin nicht normal..."


Ich glaube, es ist ein Zeichen dafür, daß es sich in die richtige Richtung entwickelt. Daß ein Teil der Heilung abgeschlossen ist, auch wenn es sich so anfühlt, als müsse man noch einmal von vorne beginnen.
Das ist ein neues Gefühl, und es sind neue Probleme, mit denen wir nicht gelernt haben, umzugehen.
"Normale" Probleme eben. Das "normale" Leben.

Denn es ist das Loslösen von Grübeleien, die man lieb gewonnen hat, es ist vertrautes Terrain, auf dem man sich bewegt hat. Es waren (und sind) so viele Gefühle dabei, die man bei der Bewältigung von "normalen" Problemen wohl nicht so intensiv haben wird.
Ob mir etwas fehlen wird?
Ob ich wirklich schon abschliessen will?
Ob ich wirklich schon abschliessen *muß* ?

Ich werde das Bereich für Bereich tun, manche Dinge abhaken, diese zu meinen Akten legen.
Ich weiß, welche Auswirkungen was gehabt hat, weiß jetzt, wie ich damit umgehen kann, habe vielleicht auch das ein oder andere Verhaltensmuster geändert.

Und dann? Irgendwann einmal?

Etwas wird bleiben, muß bleiben.
Irgendwie möchte ich nicht so "normal" werden.
Ich war immer etwas Besonderes, habe mich in meinen Augen (!) abgehoben von der Masse, nicht durch Schönheit, Intelligenz, Kraft, Mut oder sonst irgendetwas, sondern durch meine Geschichte und die Art und Weise, wie ich damit umgehe. Auch wenn das nach aussen hin nicht immer erkennbar ist.

Vielleicht muß ich dann etwas Neues finden, warum ich immer noch etwas Besonderes bin, obwohl ich "normal" zu werden drohe.
 

Ist es Heilung, trotz der Erlebnisse in Kindheit und Jugend normal leben zu können?