Quellen: BFF – Bundesverband Frauenberatungsstellen und
Frauennotrufe,
http://www.frauen-maedchen-beratung.de,
http://www.medport.de, Bildquelle:
http://www.sac-mythen.ch

Mythen und Tatsachen zum sexuellen
Missbrauch
Wie bei allen Formen sexualisierter Gewalt bestehen hartnäckige Mythen und
Vorurteile auch hinsichtlich des sexuellen Missbrauchs. Sie erschweren die
Prävention und den Umgang mit den Betroffenen. Es ist deshalb besonders wichtig,
diesen Mythen Tatsachen entgegenzusetzen.

Mythos
Sexueller Missbrauch ist selten.
Tatsache
In der Bundeskriminalstatistik wurden 1999 15.279 Fälle des sexuellen
Missbrauchs von Kindern erfasst (§ 176, 176a, 176b StGB). Diese Zahl spiegelt
lediglich die angezeigten Fälle wider. KriminalistInnen und ForscherInnen gehen
von einer 6-20 mal höheren Dunkelziffer aus. Schwankungen der
Dunkelfeldschätzungen gehen auf verschiedene zugrunde gelegte Definitionen des
Missbrauchs, verschiedene zugrunde gelegte Altersdifferenzen zwischen Tätern und
Opfern sowie unterschiedliche
Forschungsmethoden zurück. Die Hellfeldstatistik ist über Jahre mit Schwankungen
relativ stabil. Schwankungen resultieren vermutlich eher aus einem
unterschiedlichen
Anzeigeverhalten denn aus einem tatsächlich unterschiedlichen Ausmaß des
Missbrauchs in den verschiedenen Jahren. Es kann davon ausgegangen werden, dass
etwa 15-30% der Mädchen und 5-15% der Jungen im Laufe ihrer Kindheit von
sexuellem Missbrauch betroffen sind.
Mythos
Die Täter sind meistens Fremde. Bzw. jeder Mann ein potentieller Täter -
"Väter als Täter"
Tatsache
Der übergroße Anteil der Täter sind Männer, auch wenn in den
letzten Jahren klarer wird, daß es durchaus weibliche Missbraucherinnen
gibt (wohl aber nur wenige Prozent der Gesamttäterzahl).
Früher wurden die Kinder vor dem bösen Onkel mit den Süßigkeiten gewarnt
- Kindesmissbraucher waren in der Vorstellung der Allgemeinheit vor allem
unbekannte, fremde Triebtäter und Psychopathen. Mittlerweile ist das Pendel
aufgrund intensiver Berichterstattung in den Medien besonders über Taten
innerhalb der Familie anscheinend ins andere Extrem ausgeschlagen: ist von
Kindesmißbrauch die Rede, denken viele Menschen zuerst an den Vater, der
sich an seiner Tochter vergeht.
Hier gemittelte Zahlen, die die Missbrauchsforscher Dirk Bange und Günther
Deegener bei 2 Studien in Deutschland in den 90er Jahren fanden; die Zahlen
sind Anteile an der Gesamttäterzahl und beziehen sich nur auf den
Missbrauch an Mädchen. Es sind nur ungefähre Angaben, die aber die Häufigkeiten
der Tätergruppen in etwa abbilden dürften:
Väter:
ca. 5 %
andere
Verwandte (Stiefväter, Onkel, Großväter, Brüder, Cousins): ca. 15 %
Bekannte,
Freunde, Lehrer, Betreuer etc.: ca. 45 %
Fremde:
ca. 35 %
Wie man sieht, sind Väter
keinesfalls die größte Tätergruppe. Die meisten Täter stammen aus dem
nicht-familiären, aber näheren Umfeld des Opfers und sind Freunde, Bekannte, Lehrer oder ähnliche
Personen. Es muß allerdings auch erwähnt werden, daß der Missbrauch von
Bekannten und besonders auch Fremden oft nur ein einmaliges Ereignis ist, während
Übergriffe innerhalb der Familie meist mehrfach stattfinden und sich nicht
selten über Monate oder sogar Jahre hinziehen.
Mythos
sexueller Missbrauch kommt hauptsächlich in unteren sozialen Schichten vor oder
auch: "Sowas passiert doch nicht in behüteten Familien!"
Tatsache
Ein Irrtum ist es anzunehmen, daß Missbrauch nur in unteren
sozialen Schichten - bei Kindern aus "kaputten" Verhältnissen - vorkäme.
Sexueller Missbrauch kommt in allen sozialen Schichten vor. Besonders gefährdet
sind Mädchen und Jungen, die emotional vernachlässigt aufwachsen. Emotionale
Vernachlässigung kommt in allen Gesellschaftsschichten vor. Mädchen und Jungen,
die schüchtern und isoliert erscheinen, werden von den Tätern als Opfer sehr
genau auswählt, um nicht entdeckt zu werden. Das heißt jedoch nicht, dass
selbstbewußte,
aufgeschlossene Kinder nicht auch Opfer werden können.
Mythos
Sexueller Missbrauch ist die Tat von abartig veranlagten Triebtätern oder auch:
"Kinderschänder erkennt man doch auf den ersten Blick"
Tatsache
Bei unter 5% der Täter wird im Zuge von Gerichtsverfahren über Gutachten eine
psychische Störung diagnostiziert. Die restlichen Täter sind „normale Männer“,
die gezielt und geplant vorgehen.
Mythos
Sexueller Missbrauch ist meistens ein einmaliges Erlebnis von Kindern und
Jugendlichen.
Tatsache
Bei etwa der Hälfte der Fälle handelt es sich um einmalige Handlungen, bei der
anderen Hälfte um wiederholte Handlungen.
Mythos
Man darf Kindern ja nun nicht alles glauben....
Tatsache
Empirische Untersuchungen kommen übereinstimmend zum Ergebnis,
• dass spontane Aussagen von Kindern bezüglich sexuellen Missbrauchs in 92% bis
95% aller Fälle glaubhaft sind und
• dass Falschbeschuldigungen überwiegend von Erwachsenen ausgehen (z.B.
falsche Deutungen von Verhaltensweisen und/ oder körperlichen Symptomen,
Verdächtigungen im Zusammenhang mit Sorgerechtsstreitigkeiten).
Mythos
Kinder – besonders Mädchen – fordern die Männer ja oft geradezu heraus.
Tatsache
Die meisten Kinder sind bei Beginn des Missbrauchs noch nicht einmal in der
Pubertät: Bei über 80% der Fälle beginnt der Missbrauch im Alter zwischen 0 und
12 Jahren, eine Häufung findet sich in der Altersgruppe der 5-8jährigen.
Selbstverständlich flirten Kinder. Tatsache ist aber, dass erwachsene Männer in
der Lage sein müssen, zwischen ihrer Erwachsenensexualität und der des Kindes zu
unterscheiden und Grenzen zu setzen.
Mythos
Sexueller Missbrauch passiert unter massiver Gewaltanwendung und hinterlässt
klare
Spuren.
Tatsache
Diese Annahme trifft nur in den wenigsten Fällen zu. Oft gibt es keine
eindeutigen
Verletzungen am Körper und auch keine eindeutigen Verhaltenssymptome oder
psychische Symptome, mit denen ein Missbrauch bewiesen werden könnte.
Mythos
„Kleine sexuelle Spielereien“ hinterlassen keine Schäden.
Tatsache
In aller Regel hinterlassen Missbrauchshandlungen psychische Schäden, die
langfristig bestehen können. Das Ausmaß der Schädigung ist von vielen Faktoren
abhängig und bei jedem Kind individuell unterschiedlich.
Mythos
Sexuelle Übergriffe passieren fast immer überfallartig, und zwar draußen in
dunklen und einsamen Gegenden.
Tatsache
Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch an Kindern werden in der Regel von den
Tätern im voraus genau geplant. Die Übergriffe finden meistens an Orten und in
Situationen statt, wo Frauen und Kinder sich sicher fühlen, z.B. in der Schule,
am Arbeitsplatz, in der eigenen Wohnung und im eigenen Bett.
Mythos
Sie hat es ja gewollt - schließlich hat sie sich ja nicht gewehrt.
Tatsache
Fast alle Opfer sexualisierter Gewalttaten setzen sich in irgendeiner Weise
gegen den Täter zur Wehr. Sie sagen "Nein" (was oft als "Ja" interpretiert
wird), versuchen, sich ihm zu entziehen oder kämpfen mit ihn. Der Täter aber
setzt sich mit Macht über ihren Willen hinweg. Erschwerend ist, dass Mädchen und
Frauen in unserer Gesellschaft kaum lernen, sich Männern gegenüber zu behaupten,
aggressiv zu sein und zu kämpfen. Ihnen wird geraten, sich nicht zu wehren, wenn
sie angegriffen werden. Daher haben viele Angst zu kämpfen und wissen auch
nicht, wie. Zudem können Schockerleben und Todesängste Widerstand praktisch
unmöglich machen. Aus fehlender Gegenwehr kann deshalb nicht geschlossen werden,
dass ein Mädchen oder eine Frau "es" gewollt hat.
Mythos
...die Kinder vergessen das eh schnell..."
Tatsache
Psychotherapeutisch Tätigen ist aus Gesprächen und
Therapien bekannt, daß das Gegenteil der Fall ist. Die Bedeutung, die das
Verhalten der Eltern für das gesamte Leben von Menschen hat, wird immer noch
unterschätzt.
Mythos
...mein Kind gehört mir
Tatsache
Dem Kind wird auf diese Weise das Recht auf ein
eigenständiges Leben abgesprochen. Ein solcher Besitzanspruch erweist sich in
allen Beziehungen als destruktiv. Wesentliches Kriterium einer positiven
Beziehung ist es, über Nähe und Distanz Einvernehmen herzustellen.
Mythos
"...das passiert immer öfter!"
Tatsache
Im Gegensatz zu dem Eindruck, der vielfach in den Medien
verbreitet wird, nimmt das Ausmaß des Kindesmißbrauchs - nach allem, was
man weiß - in den letzten Jahren nicht zu. Es wird allerdings verstärkt
darüber berichtet, es gehen immer mehr Frauen mit ihrer Geschichte an die
Öffentlichkeit, was diesen Eindruck bestätigen mag.

"Solche Mythen stellen den Täter implizit als Opfer dar,
entbinden ihn von der Verantwortung für die Tat, weisen die Schuld anderen
Personen oder bestimmten Umständen zu und fordern Mitleid ein. Das Opfer des
Übergriffes verschwindet auf diese Weise aus dem Blickfeld. Ein Teil dieser
Mythen entstammt im wesentlichen den Aussagen von Tätern, mit denen diese
versuchen, ihre Taten zu rechtfertigen (vgl. u.a. Latza 1991, S. 218)."
(Heiliger, 2000, S. 30)