Autorin: Tina Schneider - Pädagogische Hochschule Heidelberg
2001
Was ist eigentlich Mißbrauch?
Sexueller Missbrauch von Kindern ist in den letzten Jahren zu
einem heiß diskutierten Thema geworden. Berechtigte Empörung und Aufregung
begleiten jeden Fall von sexuellen Übergriffen auf Kinder, der der Öffentlichkeit
bekannt wird. Sexueller Missbrauch gehört zum Lebensalltag sehr vieler Mädchen
und Jungen. Man kann davon ausgehen, dass etwa jedes dritte bis vierte Mädchen
und jeder neunte bis zwölfte Junge sexuell missbraucht wird. Der Täter ist nur
in Ausnahmefällen der "fremde böse Mann" vor dem Mädchen und Jungen
gewarnt werden. Der Missbrauch findet in der Regel innerhalb der eigenen Familie
und im nahen sozialen Umfeld der Kinder statt. Es sind die Menschen, die das Mädchen
oder der Junge vielleicht liebt, die das Kind kennt und denen es vertraut
Alle Fachleute, die sich näher mit der Thematik befassen sind
sich einig, dass gegen das Inzesttabu hunderttausendfach verstoßen wird, dass
jedoch das Darüber-Sprechen ein Tabu ist. In Deutschland ist es vor allem dem
Engagement der Frauenbewegung zu verdanken, dass das Problem des sexuellen
Missbrauchs von Kindern mehr und mehr in die Öffentlichkeit gedrungen ist. Nach
einer Untersuchung des Bundeskriminalamtes von 1985 werden jährlich 300.000
Kinder sexuell missbraucht. In etwa 70 - 75% der Fälle sind die leiblichen Väter,
und andere väterliche Bezugspersonen, die ihre Kinder missbrauchen. Es wurde
ebenso aufgedeckt, dass nicht Mädchen im Pubertätsalter am häufigsten Opfer
sexuellen Missbrauchs werden, sondern Mädchen im Alter von deutlich unter zehn
Jahren. Die höchste Missbrauchsrate findet sich bei Kindern im Alter zwischen
sieben und zwölf Jahren.
Die Fakten sprechen dafür, dass jeder Grundschullehrer während
seiner Berufstätigkeit konkret mit sexuell missbrauchten Schülern konfrontiert
wird. Oftmals sind Lehrer neben den Eltern die einzigen Erwachsenen zu denen die
Kinder regelmäßig Kontakt haben und möglicherweise Vertrauen aufbauen können.
Die Funktion der Schule ist sicherlich nicht, dass jeder Lehrer als Therapeut
oder Sozialarbeiter arbeitet. In der Schule gibt es vielmehr die Möglichkeit,
durch präventive Unterrichtsinhalte dem sexuellen Missbrauch entgegenzuwirken.
Lehrer sollte sich mit dieser Thematik auseinandersetzen und für
versteckte Hinweise bei sexuell missbrauchten Mädchen und Jungen sensibilisiert
werden. Die Hilferufe misshandelter Kinder sind sehr leise und oft verschlüsselt.
Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen durch dieses Verschließen werden
den Opfern Wege zur Hilfe verbaut. Diese Kinder können sich meist aus eigener
Kraft nicht Hefen. Die seelischen und körperlichen Schäden zeichnen sie ein
Leben lang. Nur wenn wir unsere Augen und Ohren öffnen und uns für diese
Kinder einsetzen, gibt es eine Chance.
Die Mädchen und Jungen werden überredet, genötigt und gezwungen, durch alle
erdenklichen Handlungen der sexuellen Befriedigung des Mannes oder der Frau zu
dienen und das nur höchst selten begrenzt auf einmal, sondern wiederholt und
oft über Jahre hinweg. Missbrauchte Kinder werden ihrem Körper und ihrer Seele
enteignet und werden ihr ganzes Leben darunter leiden, wenn sie keine Hilfe
erhalten.
Bei sexuellem Missbrauch von Kindern handelt es sich immer um eine Gewalttat und
niemals um ein Kavaliersdelikt, wie so viele Missbraucher es gerne gesehen haben
möchten. Sexueller Missbrauch ist nicht eine gewalttätige Form von Sexualität,
sondern eine sexuelle Form von Gewalttätigkeit.
Die hohen Dunkelziffern bei Kindesmisshandlungen, sexuellem Missbrauch von
Kindern und Kinderpornographie zeigen, dass unsere Gesellschaft noch nicht in
ausreichendem Maße bereit ist, Hilferufe und Signale der Kinder aufzunehmen und
Hilfe anzubieten. Der Bericht einer Leiterin einer Beratungsstelle für sexuell
missbrauchte Kinder besagt, dass Kinder bis zu siebenmal ihre Not Erwachsenen
erzählen müssen, bevor ihnen Glauben geschenkt und geholfen wird.
Mehr zu lesen gibt es hier: www.regenbogenwald.de
Eine Übersicht über den Inhalt der dort zu lesenden Arbeit:
1.
Einleitung
2.
Begriffsklärung
2.1 Definition in der Fachliteratur
2.2 Definitionskriterien
2.3 Vergleich Kindesmisshandlung sexueller Missbrauch
2.4 Juristische Aspekte zum sexuellen Missbrauch
3.
Formen des sexuellen Missbrauchs
3.1 Grenzziehung zwischen Zärtlichkeit und sexuellem Missbrauch
4.
Ursachen und Erklärungsansätze
4.1 Familienorientierter Ansatz
4.2 Sozialpsychologische Ansatz
4.3 Feministischer Ansatz
4.4 Biographische Faktoren
5.
Forschungsergebnisse und Psychogramm der beteiligten Personen
5.1 Ausmaß und Dunkelziffer
5.2 Psychogramm der Täter
5.2.1 Geschlecht der Täter
5.2.2 Alter der Täter
5.2.3 Schichtzugehörigkeit der Täter
5.2.4 Strategien der Täter
5.2.5 Selbst erlebte Gewalterfahrung der Täter
5.2.6 Frauen als Täter
5.3 Psychogramm der Opfer
5.3.1 Alter der Opfer
5.3.2 Geschlecht der Opfer
5.3.3 Männliche Opfer
5.4 Bekanntschaftsgrad zwischen Täter und Opfer
5.5 Häufigkeit und Dauer des sexuellen Missbrauchs
5.6 Psychogramm des Systems
5.6.1 Situation und Reaktion der Familie
5.6.2 Situation der Mutter
5.6.3 Situation der Geschwister
6.
Symptome und Folgen des sexuellen Missbrauchs
6.1 Physische Symptome
6.2 Psychosomatische Symptome
6.3 Emotionale Reaktionen
6.4 Autoaggressives Verhalten
6.5 Sozialverhalten
6.6 Sexualverhalten
7.
Widerstandsformen und Überlebensstrategien sexuell missbrauchter Kinder
7.1 Kinderzeichnungen
8.
Primäre und sekundäre Präventionsmöglichkeiten von sexuellem Missbrauch
8.1 Begriffsklärung
8.2 Entwicklung der Präventionsarbeit
8.3 Das amerikanische Präventionsprojekt CAPP
8.4 Primäre Prävention als Aufgabe in der Grundschule
8.4.1 Primäre Prävention im Unterricht
8.5 Sekundäre Präventionsmöglichkeiten von sexuellem Missbrauch
8.5.1 Mögliche Hinweise von sexuellem Missbrauch im
Schulalltag
8.5.2 Situation des Lehrers
8.5.3 Interventionsschritte
9.
Fazit und Aussichten