Erzählen

alles auf Anfang

"Ich will es jemandem erzählen!"

- Verhaltensregeln für Überlebende -

ein erster Versuch...

"Ich will es endlich jemandem erzählen, will dieses Geheimnis nicht länger mit mir rumschleppen" Ein mutiger Entschluß, aber manchmal scheitert er an dem "Wie?". Oder der Versuch geht schief, weil elementare Regeln des Umgangs miteinander verletzt wurden.

Nach einigen Stunden Chatten und Diskutieren mit anderen Partnern und Freunden von Überlebenden möchte ich nun doch versuchen, eine ähnliche Liste von Verhaltensregeln, diesmal für Überlebende, aufzustellen. Jeder hat mir gesagt, daß so etwas nicht geht, daß man es nicht verallgemeinern kann, daß man keine Regeln aufstellen kann.

Diese "Regeln" sind für den Anfang gedacht. Eine Art "Richtlinie". Jeder muß sich eine passende Strategie zurechtbasteln, sehen, womit man am besten zurechtkommt. Ist also nur zum "Einstieg" wenn man gar nicht weiß, wie sagen...

Einiges ist mir in den Gesprächen klar geworden, und ich habe meinen eigenen Regeln auch abändern müssen. Und sollte jemandem noch etwas einfallen, was ich bisher nicht berücksichtigt habe, dann schreibe er/sie mir doch bitte, denn auf Korrekturen bin ich bei diesem Thema noch sehr angewiesen!

Es gibt (Lebens)Partner, Freunde, Bekannte von Überlebenden. Werden diese eingeweiht, werden sie zu Verbündeten im Kampf gegen das Schweigen und gegen viele Schwierigkeiten im alltäglichen Leben. Deshalb verwende ich hier den Begriff "Verbündete".

Wen kann ich ansprechen? Wird man mir zuhören? Wird man mir glauben...?

Also los...

"Höre, was ich sage!"

Was erwarte ich?

bulletNatürlich ein offenes Ohr, Interesse, Unterstützung. Überlege ehrlich, was Du noch erwartest. Wenn es um Mitleid geht, um Aufmerksamkeit, oder um Bestätigung einer negativen Selbst- oder Weltsicht, dann wende Dich bitte an Beratungsstellen oder einen Therapeuten, denn dafür sind Freunde einfach nicht da.
bullet

Erwarte nicht zu viel von Deinem Verbündeten...:

Er ist Dein Verbündeter, nicht Dein Therapeut!

Wen kann ich ansprechen?

bulletWenn Du einen Lebenspartner hast, fang bei ihm an. Er/Sie hat ein Recht darauf, zu erfahren, was mit Dir passiert ist.
bulletFreunden kannst Du auch davon erzählen, aber überlege vorher gut, ob diese auch nachher noch da sein werden...
bulletWenn Du Dich niemandem anvertrauen magst, den Du kennst, wende Dich an Beratungsstellen in Deiner Nähe. Oder wende Dich an Deinen Hausarzt, deute an, worum es geht, und er/sie wird Dir einen Therapeuten empfehlen können.

Wann und Wo?

bulletIhr werdet Zeit brauchen! Plane diese ein, fang ein Gespräch nicht zwischen Tür und Angel an, oder wenn Du weißt, daß in 10 Minuten Besuch kommt.
bulletIhr könnt überall reden. Wichtig ist, daß Du Dich sicher fühlst und ihr ungestört seid, daß eventuell auch mal die Tränen fließen können, ohne daß man dumm angemacht wird. Das kann im Café sein, in der heimischen Küche, im Bett, per Instant messenger im Internet, per Telefon, auch per Brief!

Ist er/sie bereit, mir zuzuhören??

bulletDies kannst Du nur herausfinden, indem Du fragst. Es gibt leider keine andere Möglichkeit. Fang bitte nicht einfach an, zu erzählen, und erzwinge seine/ihre Aufmerksamkeit. Das führt schnell zu Trotz und Distanzierungsverhalten, und im schlimmsten Fall schaltet Dein Gegenüber auf Durchzug. Frag einfach "Kann ich mit Dir über ein vielleicht unangenehmes Thema reden?"
bulletStelle Dir auch während des Gesprächs ab und zu diese Frage. Kommt es Dir so vor, als sei ihm/ihr das Thema zu unangenehm, dann hake nach. "Wäre es Dir lieber, ein anderes Mal weiter zu reden?" Viele Verbündete trauen sich einfach nicht, es zuzugeben, und sind dankbar für die Gelegenheit, eine (längere) Pause zu machen.

Kann ich ihm/ihr vertrauen?

bulletKeine Vertrauensbeweise! Wenn Du Dich entschieden hast, es jemandem bestimmten zu erzählen, dann stehe dazu. Beweise für berechtigtes Vertrauen wirst Du während des Gesprächs bekommen, da macht es einfach keinen Sinn, vorher anzutesten. Außerdem merkt Dein Gegenüber jede Art von Vertrauenstest und wird entsprechend bockig reagieren.

Wie erzähle ich?

bulletDir und Deinem Gegenüber hilft Sachlichkeit, so lange dies geht. Wenn Du kein Mitleid möchtest, dann muß dies auch klar werden. Natürlich kommen im Laufe des Gesprächs auch Gefühle hoch, aber dann sollte der Anfang geschafft sein
bulletSag direkt, warum Du es erzählst. Mißverständnisse sind schwer aus der Welt zu räumen, Dein Gegenüber kann sich aufgefordert fühlen, sich an dem Täter zu rächen, oder in anderer Weise aktiv zu werden. Deshalb sage vorher, was Du erwartest. Ist es, daß Dir geglaubt werden soll? Ein altes Geheimnis und damit die Macht des Täters zu zerstören? Lernen, zu Vertrauen durch das erzählen? Einige Deiner Verhaltensweisen erklären?
bulletVersuche nicht, Dich zu verstellen, normal zu sein, wenn du es nicht bist. Er/Sie wird es merken und dich macht es unglücklich. Also wenn Du nicht sachlich bleiben kannst, sondern Gefühle hochkommen, dann zeige sie. Sage auch, wie Du Dich fühlst, laß Deinen Verbündeten nicht im Dunkeln tappen.

Ich kann nicht gut darüber reden, kann ich auch schreiben?

bulletWenn es gar nicht geht, wenn Du vor lauter Angst nicht reden kannst, dann versuche es mit Schreiben. Brief, ICQ, wie auch immer. Aber versuche, Dich auch währenddessen auf ein richtiges Gespräch vorzubereiten. Wenn Du fürchtest, im Gespräch nichts herauszubringen, dann bitte Dein Gegenüber im Vorfeld, Dir Fragen zu stellen, die Du ohne Worte beantworten kannst.

Wie viel und was erzähle ich?

bullet"Höre, was ich nicht sage" - betrachte diesen Text bitte als Wunschtraum. Es kann Dir niemand hinter die Stirn gucken, und Hellseher sind auch sehr selten geworden heutzutage. Dein Verbündeter wird sich vielleicht auch bei Vermutungen gegen genau diese sträuben, so etwas anzunehmen. "Sowas kann ihr doch gar nicht passiert sein, nein, das will ich nicht glauben müssen..." Du mußt Dich klar und eindeutig ausdrücken, wenn Du verstanden werden willst.
bulletVerbündete fühlen sich häufig hilflos, wollen gerne das Richtige tun, wissen aber nicht, wie - also musst Du es ihm/ihr sagen. Wenn Du weißt, in welchen Situationen Du anders reagierst als "Normalos", dann warne ihn/sie vor. Sag ihm/ihr, wie es aussieht, wenn Du eine Panikattacke bekommst, und auch, wie er Dir helfen kann. Ob er Dich in den Arm nehmen soll, oder lieber gar nicht berühren, ob er etwas sagen soll oder besser schweigen. Ohne Anleitung kann er Dir nicht helfen.
bulletErzähle so detailliert, wie es Dir möglich ist. Verbündete haben immer Angst, Dich direkt nach Einzelheiten zu fragen, aus Angst, Dich zu verletzen. Aber doch braucht er/sie Einzelheiten, um Dich besser zu verstehen. Das großräumige Umschreiben und Andeuten baut Geheimnisse auf, läßt viel Platz für Spekulationen. Und es nährt die Zweifel an Eurer Geschichte. Dein eventuell vorhandener (Lebens)Partner sollte natürlich mehr wissen als ein Freund. Aber beide wollen wenigstens wissen, wie alt Du warst und wer der/die Täter/in war/en. Einfach um nicht allen Menschen in Eurer Umgebung mißtrauisch entgegentreten zu müssen. Euer Partner sollte, wenn irgendwie möglich, auch grob erfahren, was der Täter getan hat, um zu wissen, in welchen intimen Situationen eventuell Erinnerungen und Flashbacks auftreten können. Er wird sich selten trauen, genau danach zu fragen, also frag Du ihn, ob er es wissen will.